SXSW 2008
Austin, Texas 8.-16.3.


Im März 1995 war der inoffizielle Startschuss für Blue Rose. Wir waren erstmals in Austin, Texas, um beim South-By-Southwest-Festvial, kurz SXSW genannt, nach Bands für das zukünftige Roots-Label zu suchen. So blauäugig wie wir damals waren konnte es eigentlich nur funktionieren. Dabei hatten wir noch nicht einmal einen Namen für das zukünftige Rootsrock-Label, und von den meisten wurden wir nur milde belächelt - wenn überhaupt beachtet. Die Geschichte zeigt, was letztlich daraus wurde.
Zum 14. Mal gehts nun also rüber auf Entdeckungsreise, Labels treffen, Manager, Künstler, das heißt von morgens 9 Uhr bis morgens um 3 Uhr auf den Beinen sein.

SXSW - das heißt auch ca 1.600 (!) Künstler/Bands in ca. 70 Clubs an 4 Tagen, darunter so ziemlich alles, was in unserem Metier Rang und Namen hat. Mein Notizblatt umfasst derzeit schon wieder so viele Namen, dass ich bereits jetzt weiß, dass nicht alle zu schaffen sein werden. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf unseren Künstlern, darunter Buddy Miller, Tim Easton, The Drams, Jon Dee Graham, Scrappy Jud Newcomb, Patty Hurst Shifter oder The Silos, aber auch Bands/Künstler wie Alejandro Escovedo, BoDeans, Blue Rodeo, Tift Merritt, Joe Ely, NQ Arbuckle, Blue Mountain, John P. Strohm, die Cowsills, Shelby Lynne, Chuck Prophet, Reckless Kelly oder Ryan Bingham, um nur einige wenige zu nennen.

Ihr könnt auch diesmal wieder dabei sein - sofern ihr einen PC und Internet-Zugang habt. Ich habe mir nämlich wieder vorgenommen, von den Highlights tagtäglich zu berichten, was so abgeht in den SXSW-Tagen. Der Laptop ist mit den notwendigen Programmen gefüttert, per Fotoapparat werden wir auch Fotos liefern können, außerdem werde ich versuchen, wieder einige Live-Videos mitzuschneiden und alles schnellstmöglich "upzuloaden". Also Daumen drücken, dass alles so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Ab 11. März gehts los, ein Besuch unserer Website lohnt sich also mehr denn je.

Habe ich euch bereits heiß gemacht? Gut, dann steigt mit mir ein in das Abenteuer SXSW 2008. Es wird sich lohnen. Auch für euch!


Schöne Grüße,
Edgar Heckmann


Wir haben unsere Berichte der Jahre 2005-2007 wieder ausgegraben - hier die Links dazu:
- 2007
- 2006
- 2005



Samstag, 8.3.

Nach knapp 22 Stunden in Austin angekommen. Hatte diesmal doch etwas länger gedauert, da wir zwei Stopps hatten. Stuttgart - Frankfurt, Frankfurt - Chicago, Chicago - Austin. Wobei wir eigentlich geplant hatten, den Flug von Stuttgart nach Frankfurt fallen zu lassen und direkt in Frankfurt zuzusteigen und damit knapp 3 Stunden Wartezeit auf dem Frankfurter Flughafen zu sparen. Aber wir hatten nicht mit United Airlines gerechnet, die gemeint hatten, den kompletten Flug zu streichen, wenn wir einen Teil davon nicht antreten. Auch der Hinweis, dass dies durch Gerichtsurteile als nicht rechtens bestätigt wurde, ließ die Airline kalt. Soll ich doch klagen, aber nach Austin würde ich dadurch auch nicht kommen. Was für ein Schwachsinn! Also in den sauren Apfel gebissen und über Stuttgart geflogen. Nach 9 Stunden superpünktlich in Chicago gelandet, wo wir wieder 3 Stunden Aufenthalt hatten, ehe es ans Ziel Austin in Texas weiterging, wo wir um 20 Uhr ankamen (3 Uhr deutsche Zeit).
Lief der Tag zunächst wie am Schnürchen, kam in Austin der erste Rückschlag: mein Koffer kam nicht an! Gut, eine Nacht ohne Zähneputzen kriege ich noch hin, aber meine komplette elektronische Ausrüstung (Verbindungskabel, Ladegeräte, Adapter) war ebenfalls darin. Hoteladresse hinterlassen, Mietwagen abgeholt, an der ersten Tanke mit einem Sixpack Shiner Bock ausgerüstet und im Hotel eingecheckt. Wie seit der Eröffnung 2002 ist das Extended Stay America unsere Bleibe während SXSW - liegt optimal im Zentrum, die Zimmer absolut geräumig und in Top-Zustand. Außerdem sehr (Internet-) kundenfreundlich: Wireless für 5 Dollar für den GESAMTEN Aufenthalt! Da sollten sich mal deutsche Hotels eine Scheibe von abschneiden.

Mitfahrer Uwe hatte sich bereits schlau gemacht, was Live Music-technisch am Samstag Abend geboten ist und landete sofort einen Volltreffer: im "Momos", gerade mal zwei Blocks vom Hotel entfernt, spielte JAMES McMURTRY! Besser konnte SXSW 2008 nicht beginnen - also Klamotten ins Zimmer und direkt wieder weg. Es war bereits knapp 22 Uhr und wir zwar etwas müde, aber der Jetlag lässt sich am besten so bekämpfen, dass man sich so lange wie möglich hält, ehe man in die Falle geht. Im Club war gerade Pause, James hatte noch nicht begonnen. Kurz zu ihm "Hallo" gesagt, ehe ich mich etwas mit Drummer Daren Hess unterhielt. Mit James McMurtry bin ich derzeit in Verhandlungen, sein neues Album über Blue Rose in Europa zu veröffentlichen, und auch der knapp 2-stündige Auftritt war die Bestätigung, dass dieser Musiker ein grandioser Songschreiber und Gitarrist ist. Durch seinen eigenartigen Stil ist er unter tausenden von Kollegen herauszuhören - nasale Stimme und mehr Sprechgesang als richtige Melodien, dazu eine rasiermesserscharfe, abgehackte Gitarrenarbeit. Neben einigen neuen Stücken waren es die Klassiker wie "Levelland" oder "Childish Things", die die Zuhörer begeisterten. Zum Abschluss eine Mörderversion von "Too Long For The Wasteland", ehe knapp vor 1 Uhr Finito war. Was für ein Einstieg in die SXSW-Woche - besser gehts nimmer.

Beim letztjährigen Auftritt im "Continental Club" haben wir ein Video von "Childish Things" mitgeschnitten, das man hier ansehen kann
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In der Zwischenzeit waren auch die Stuttgarter Kollegen BeeGee, Buffalo und Didi eingetroffen, die unfreiwillig 6 Stunden in Atlanta auf den Weiterflug nach Austin warten mussten. Zusammen mit Dauer-SXSW-Gast Wolfgang sind wir dann noch auf einen Absacker ins auf der anderen Straßenseite gelegene "Opal Divine" gegangen, wo wir den Abend auf der Veranda, gewärmt von Heizpilzen (auch die Amis spüren das Nichtrauchergesetz), ausklingen ließen und um 2 Uhr mehr oder weniger rausgeworfen wurden. Eigentlich war es bereits 3 Uhr, denn in den USA wurde bereits heute Nacht auf Sommerzeit umgestellt, 3 Wochen früher als sonst.



Sonntag, 9.3.

Irgendwie gibt es bestimmte Ritualien, an die man festhält, und so ist das auch bei SXSW am Sonntag "davor", wo noch nichts so richtig los ist und auch der Moloch an Musikfans und Leute aus der Musikwelt noch nicht die Stadt überschwemmt haben. Man kann gemütlich in Lokale gehen, die örtlichen Plattenläden durchstöbern und sich für den Abend eine Live-Show auswählen. So auch bei uns. Aber zunächst die erfreuliche Mitteilung, dass mein Koffer am Morgen in der Rezeption stand! Meine Erleichterung könnt ihr euch sicher vorstellen.

Ritual #1: Frühstück bei Tiff - äh - "Curras". Seid ich denken kann, ist dieser Mexikaner in der Oltdorf Street unsere erste Station. Und das 2. Ritual folgt zugleich: immer bestellen wir Migas mit Pilzen und Käse, dazu braune Bohnenpampe und Flower Tortillas. Large Orange oder Grapefruit Juice zum Kaffee nicht zu vergessen!

Anschließend dem Waterloo Record Store den ersten Besuch abgestattet und etwas "unterstützt" bzw. die Plattensammlung etwas erweitert. Dieser Kult-Plattenladen gehört zu den besten Outlets in Amerika mit einer riesigen Auswahl an CDs, LPs, Videos, T-Shirts, Musik-Büchern/-zeitschriften und was sonst noch allem. Da wird man immer fündig! Und bei dem derzeitigen Dollarkurs (reguläre CD umgerechnet ca. 9 EUR) erst recht...

Nächstes Ritual: THE RESENTMENTS im Saxon Pub! Große Wiedersehensfreude vor dem Club, immerhin haben wir uns seit 1 Jahr nicht gesehen. Drummer John Chipman wie immer extrem gut aufgelegt, Scrappy Jud Newcomb der Sonnyboy und Bruce Hughes mit seinem Wuschelkopf dazwischen. Stephen Bruton dagegen macht (wieder einmal) eine harte Zeit durch: Nachdem bei ihm nach der letzten Deutschland-Tour im Dezember 2006 Kehlkopfkrebs diagnostiziert worden war und er diesen erfolgreich bekämpft hatte, wurden Tumore an der Lunge festgestellt. Derzeit unterzieht er sich wieder dem vollen Chemo-Programm, hat dabei sämtliche Haare und extrem an Gewicht verloren. Aber er fühlt sich an diesem Abend sauwohl, was man dann während der Show auch deutlich zu spüren bekommt. Jon Dee Graham war nicht dabei - eigener Auftritt in Dallas.
Der Saxon Pub wie immer rappelvoll und die Show vollkommen anders als üblich. Und das nicht nur, weil Jon Dee fehlte, sondern auch durch u.a. zwei Gastmusiker mit Mundharmonika und Quetschkommode (Josh Guzman), außerdem präsentierten Stephen, Scrappy und Bruce einige neue Songs, die sehr gut beim Publikum ankamen. Für uns die Bestätigung, dass auch eine 30. Show dieser Ausnahmeband sehr abwechslungsreich und intensiv ist.



Montag, 10.3.

Und noch ein Ritual: Geld sparen und dennoch ausgeben - so könnte man einen Ausflug ins Tanger Factory Outlet nach San Marcos beschreiben, ca. 45 Minuten von Austin an der I-35 Richtung San Antonio gelegen. Das riesige Areal ist eine kleine Stadt für sich und beherbergt so ziemlich alle bekannten Marken in Bekleidung, Elektronik, Kosmetik oder andere nützliche Dinge. Adidas neben Reebok und Nike, Timberland, Levi's, Sony, Bose, Samsonite, Rockport, Calvin Klein, Esprit, GAP, Eddie Bauer, Tommy Hilfinger und hunderte andere Firmen sind da vertreten und bieten ihre Produkte zu besonders günstigen Preisen an. 3 Timberland-Hemden für 30 Euro (zusammen wohlgemerkt), Levi's Jeans für umgerechnet knapp 20 Euro - da macht das Einkaufen Spaß!

So, und jetzt oute ich mich als großer Fan von TV-Auswanderer-Serien wie "Goodbye Deutschland" oder "Mein neues Leben XXL". Vor allem dann, wenn die Leute in Ländern wie USA, Kanada, Australien oder Neuseeland ihr neues Glück versuchen wollen, sitze ich vor der Glotze und frage mich immer wieder, mit welcher Naivität und Planlosigkeit manche Menschen ein solches Vorhaben angehen - zum Teil keinerlei oder nur geringe (Landes-)Sprachkenntnisse, kein Job, keine Wohnung, kein Geld, noch nie zuvor in dem Land der Träume gewesen. Unglaublich! Aber es gibt auch andere, die eine solch lebenseinschneidende Maßnahme von langer Hand angehen und genau wissen, was sie wollen. Konny Reimann und seine Familie sind ja bereits Kult und bekannter als 90% unserer Bundesminister, und auch andere Familien hat man durch die Sendungen so richtig ins Herz geschlossen.

Vor einigen Monaten wurde über die Familie Dirks aus Hamburg berichtet, die vor knapp 3 Jahren nach Texas ausgewandert ist. Nach New Braunfels, um genau zu sein, und hat dort das Restaurant "Friesenhaus" eröffnet mit original bayerischer (!) Küche inklusive deutschem Bier! Als ich das gesehen habe, nahm ich mir vor, da bei meinem nächsten SXSW-Trip mal vorbeizuschauen. New Braunfels liegt ebenfalls an der I-35 in Richtung San Antonio, nur 12 Meilen vom Outlet Center entfernt, also praktisch auf dem Weg. Vorher im Internet ihre (sehr schön gemachte, informative und ausführlich präsentierte) Website besucht und die Öffnungszeiten ausfindig gemacht. An 7 Tagen die Woche geöffnet, von morgens 8 Uhr durchgehend. Na dann los! Dank gutem Timing zur Mittagszeit angekommen und gleich mal ein gutes deutsches Weizenbier geordert. Als "Lunch Special" gab es ein "Texas Schnitzel", das uns dreien (Uwe, Wolfgang und mir) die Tränen in die Augen schießen ließ. "Hot" nennt man das dann hier. Der Koch persönlich brachte die Speisen, und nachdem wir fertig waren (hatte sehr gut geschmeckt), setzte sich Claas Dirks noch für gut 30 Minuten zu uns und wir unterhielten uns über die Dreharbeiten mit dem RTL-Team, über das Leben in Texas und über die Situation bei uns zuhause, als wenn wir uns schon seit Jahren kennen würden. Sehr schöne Begegnung. Wer also einmal in der Nähe von New Braunfels sein sollte - ein Abstecher ins "Friesenhaus" lohnt sich auf alle Fälle! Gerne wären wir noch auf ein weiteres Weizenbier geblieben, aber wir mussten ja noch Auto fahren und das Outlet Center "unsicher" machen. Mit dem Versprechen, im nächsten Jahr wieder vorbeizuschauen, verabschiedeten wir uns.



Dienstag, 11.3.

 
Jon Dee Graham und Andrew Duplantis
 
Syd Straw mit Mike Mills (rechts)
Der Dienstag Abend ist grundsätzlich für den "Swollen Circus" im kultigen "Hole in the Wall"-Club verplant, da kann kommen was wolle. Als Michael Hall und Walter Salas-Humara 1993 mit dieser Veranstaltung begonnen hatten, da war kaum Konkurrenz zu befürchten, doch von Jahr zu Jahr kommen mehr und mehr Künstler und Bands bereits dienstags in die Stadt und immer mehr Clubs bieten Shows an, um sich ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Gerade in diesem Jahr war die Auswahl mit Yo La Tengo, My Morning Jacket, Grand Champeen oder auch The Drams sowie Van Morrison recht groß, doch die Liste der auftretenden Künstler und die Regel, dass jeder nur 3 Songs spielen darf, garantiert in jedem Jahr ein abwechslungsreiches Programm. Zudem war die diesjährige Ausgabe dem verstorbenen Silos-Musiker DREW GLACKIN gewidmet, da gebot es sich schon aus Loyalitätsgründen, den Abend dort zu verbringen.

 
Peter Buck
 
Drew Glackin Memorial Choir
Das Programm war dann auch abwechslungsreich und zum großen Teil sehr unterhaltsam. Einige mir unbekannte Künstler (Paul Minor, Jonathan Rundman, The Service Industry oder Suzie Riddle, die gut und gerne als abschreckendes Beispiel bei DSDS mitmachen könnte), doch mit TOM FREUND, der endlich einmal wieder 3 großartige Songs zum besten gab (na also, er kann es doch noch!), unterstützt von Walter Salas-Humara am Schlagzeug, JON DEE GRAHAM & the Fighting Cocks (Daren Hess - Drums und Andrew Duplantis - Bass), der mit Songs wie "Beautifully Broken", "Laredo" oder "The Greatest" einen gnadenlosen Gitarren-Set ablieferte und das Ritual durchbrach und gleich 5 (!) Songs spielte, MICHAEL HALL & The Savage Trip (diesmal eher zahm aber wie gewohnt gut),
 
Mike Mills
GINGERSOL mit kernigem Guitar Rock oder MINUS 5 mit einem bekannten Gesicht am Bass - Peter Buck von R.E.M., gaben sich bestens bekannte Musiker die Gitarren in die Hand. Als dann bei SYD STRAW, die 1989 mit "Surprise" einen Riesenerfolg verbuchen konnte, der zweite Mann des Millionentrios aus Athens, Georgia, Mike Mills, am Bass mitspielte und auch Sänger Michael Stipe vor dem Eingang gesichtet wurde, da schöpfte doch so mancher Hoffnung auf einen R.E.M.-Sensationsgig im winzigen "Hole In The Wall". Er fand zwar nicht statt, doch es zeigte sich, dass diese Musiker trotz vieler Millionen Dollar auf dem Konto den Spaß an der Musik nicht verloren haben und wie selbstverständlich auf der Bühne bei einem Bewegungsradius eines Bierdeckels agierten und ihre Freude hatten.
Den Abschluss des Abends machte der DREW GLACKIN MEMORIAL CHOIR mit u.a. Walter Salas-Humara, Jon Dee Graham, Tom Freund und Silos-Schlagzeuger Konrad Meissner und den drei brachial vorgetragenen Silos-Stücken "Keep It Score", "Straight" und "The Only Love".

Um 2 Uhr wurden uns die halb vollen Gläser aus der Hand gerissen und wir abrupt vor die Türe gesetzt.

Was ich vergessen hatte zu erwähnen: Unsere "deutsche Delegation" ist um Thomas "Chill Music" Dewers erweitert worden und ich habe ihn gebeten, für Konzerte, die er gesehen hat, einen eigenen Bericht abliefern. Here wo go mit seiner Meinung zu den Swollen Circus-Shows. Weiter unten dann VIEL mehr von ihm!

Der Swollen Circus im "Hole In The Wall" war diesmal kurzweilig und musikalisch abwechslungsreich. Zu den üblich Verdächtigen wie Silos, Michael Hall, JD Graham und Tom Freund haben mich überzeugt: Neo-Traditionalist/Honky Tonker Paul Minor, Fun/Punk/Indie Rocker The Service Industry, Spottiswoode & His Enemies aus NYC (mit Bläsern, Akkordion, Mandoline usw.), Gingersol mit einem härteren Set und, ja, auch Syd Straw mit 2 langen Rocknummern, wenngleich sie schon sehr... ähem strange ist. Minus 5 mit Peter Buck am Bass spielten eine kurzen Garagenrock-Set, coverten Monkees und Sonics ('Strychnine'). Noteable Sidemen: Mike Mills (Bass bei S.Straw), Michael Jerome (Drums bei Tom Freund), Last Train Home-Trompeter Kevin Cordt. Grausam: Suzi Riddle aus Dallas. Mit so einer Stimme darf man nicht singen!



Mittwoch, 12.3.

 
Steve Poltz
Ich will ja jetzt nicht groß vorgreifen, aber dieser erste offizielle SXSW-Tag wird sicher in die Geschichte eingehen, was die Qualität der gesehenen (und gehörten) Bands und Künstler betrifft. Und dabei spielte sich das alles fast ausschließlich am Nachmittag ab, außerhalb der "richtigen" SXSW-Showcases, die den Machern des Festivals ziemlich ein Dorn im Auge sind, da viele Besucher sich damit begnügen, diese durchweg kostenlosen Veranstaltungen zu besuchen und sich weder Wristband geschweige denn ein Badge für 500 Dollar und mehr kaufen.
 
Jay Boy Adams
Auf der anderen Seite wissen die Veranstalter aber auch, dass die Künstler nur dann den zum Teil sehr weiten Weg nach Austin auf sich nehmen, wenn sie mehrere Auftritte "mitnehmen" können. Der Musiker Steve Poltz etwa spielt in 3 Tagen sage und schreibe 12 Shows, und Steve Wynn hatte vor 2 Jahren auch 9 Mal die Bühne betreten.

Die "Guitartown Party" war eine der ersten dieser Nonofficial Day Parties und kann sich die auftretenden Acts aussuchen. Sie findet seit ca. 4 Jahren glaube ich im Außenbereich des Irish Pub "Mother Egan's" statt, gerade mal 2 Blocks von unserem Hotel entfernt. Das Line-Up ist durchweg allererste Sahne (liegt vielleicht auch mit daran, dass ein großer Anteil aus Blue Rose-Interpreten besteht...), und Punkt 12 Uhr ging es los mit RANDY WEEKS, von dem ich allerdings nur noch 3 Songs mitbekam. Guter, abgehangener, melodischer Gitarrenrock mit wenigen Kanten. Kam gut rüber - wie auch der Auftritt des eben erwähnten STEVE POLTZ, einem lustigen und immer gutgelaunten Kollegen aus San Diego. Seit Weihnachten ist er nun mit seiner Band in den USA und Australien auf Tour, die letzte Show findet am 1. April statt. Er zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen und fetzte im Gegensatz zu seiner jüngsten CD voll drauf los. Auch nicht schlecht, wenn auch nicht unbedingt sensationell.

Danach folgte mit JAMES McMURTRY der erste Höhepunkt. Diesmal war er mit Begleitband gekommen und stellte einige Songs vom neuen Album "Just Us Kids" vor, das nach den neuesten Gesprächen in Europa bei Blue Rose erscheinen wird. Der Mann ist einfach gnadenlos gut und in Austin ein richtiger "Star". Ein Video von ihm gibt es ja bereits weiter oben zu sehen, daher ist wohl schon alles gesagt. Wie auch zu JON DEE GRAHAM, der ebenfalls zu den anerkanntesten Künstlern in Austin gehört und wie immer eine scharfzüngige Vorstellung bot mit krachenden Gitarren und seiner typischen Reibeisenstimme.



Während der Brandos-Tour erzählte mir Gitarrist Eric "Roscoe" Ambel, dass er bei SXSW zusammen mit dem ehemaligen Backsliders-Kopf CHIP ROBINSON auftreten werde, der gerade an einem Album mit ihm arbeitet. Unter der kurzfristigen "Zuhilfenahme" von Patty Hurst Shifter-Kollegen an Bass und Schlagzeug, die die Songs natürlich noch nie gehört hatten, wurde der Auftritt als Quartett bestritten und Eric konnte mal so richtig zeigen, was in ihm steckt. Das untere Video wird es bestätigen.



Zuvor kurz über die Straße ins "Opal Divine", um JAY BOY ADAMS zu sehen, der vor Urzeiten mit "Fork In The Road" ein klassisches Americana/Westcoast-Ablbum im Stile der frühen Eagles veröffentlicht hatte. Naja, ohne Band im Rücken kommt das dann doch nicht so gut rüber, also wieder zurück zur "Guitartown Party", wo BLUE MOUNTAIN in der Originalbesetzung einen umfeierten Auftritt hinlegten. Cary Hudson ist ein unglaublicher Gitarrist, was man auch auf dem Video sehen kann, das wir zusammengestellt haben. Die Band arbeitet ebenfalls an einem neuen Album und ich denke, das wir mit der Band "handelseinig" werden.



Dann wiederum zurück ins "Opal Divine" (die Auftritte heute liegen logistisch aber auch alle verdammt günstig), um PEAR RATZ einmal live zu erleben. Deren Debütalbum "Rat Now" haben wir über unseren Mailorder recht gut verkaufen können und klingt ganz nach Southern Rock mit Big In Iowa-Einflüssen, wie das Video belegen wird. Die Band hat ein neues Album am Start ("Holier Than Thou"), das wir nach dem supernetten Gespräch mit dem Labelboss des Quartetts aus San Antonio schon in Kürze anbieten werden können.



Wieder zurück ins "Mother Egan's", wo die SILOS, verstärkt um Jon Dee Graham, eine furiose Show hinlegten.



Geschenkt habe ich mir PATTY HURST SHIFTER und THE DRAMS, da ich sicher in den kommenden Tagen nochmals Gelegenheit haben würde, eine Show anzusehen.

Auf der 6. Straße tanzte zwischenzeitlich der Bär und aus allen Clubs, Bars und Läden schlug einem Lärm entgegen. Man kann es sich nicht vorstellen, wenn man es noch nicht leibhaftig erlebt hat. Ausnahmezustand für die Jugend aus Austin und Umgebung!

Nächster Anlaufpunkt war das "Habana Calle Annex" auf eben dieser 6. Straße, allerdings schon mehr Richtung I-35-Highway, wo der Geräuschpegel nicht mehr so hoch war. Der allerdings konnte kaum noch übertroffen werden von dem Trio GRADY, das uns nach 10 Minuten aus dem Club getrieben hat. Hard Rock mit Gitarrenrock vermischt, LAUT, schnell, brachial. Das Gegenteil erwartete uns im 18. Stock des Hilton-Hotels, wo JOHN P. STROHM einen Akustik-Set darbot, der zu der fortgeschrittenen Zeit (23:30 Uhr) nicht unbedingt dazu beitrug, die ersten Müdigkeitserscheinungen zu vertreiben.

Zurück ins "Habana Calle", wo um Mitternacht die DEXATEENS aus Alabama auftraten. Hier übergebe ich nun das Zepter an Thomas "Chill Music" Dewers, der den Tag aus seiner Sichtweise Revue passieren lässt. Voila - Thomas in his own unique words!

Mittwoch war zwar erst Day #1, aber mehr geht eigentlich kaum noch: gleich 2 Parties schräg gegenüber ab High Noon. Die Guitar Town Party begann mit Randy Weeks, Steve Poltz & Truckee Bros., James McMurtry - alle mit Band, alle wie erwartet. Dann CHRIS STAMEY, ewiger Hero, noch nie gesehen, definitiv ein frühes Highlight für mich. Extradank für ein tolles 'I Am The Cosmos' (Big Star). Zwischendurch gegenüber Teile von Jay Boy Adams (langweilig), Sam Baker/Walt Wilkins (gut) und Pear Ratz (Southern Rock halt...) gesehen. Dann wieder bei der GTP Chip Robinson w/Eric Ambel (solide bis stark), Blue Mountain (begeisternd, da weiß man, was die Jahre gefehlt hat in der No Depression-Branche!), ABIGAIL WASHBURN w/ BELA FLECK (hat mir leider nicht gefallen wg. der Stimme und des kunstvollen/klassischen Ansatzes).

Abends guter Start mit KATE TUCKER & THE SONS OF SWEDEN aus... Seattle. Charming Indie Pop mit Geschrammel und very charming Kate. CD gekauft! LORRIE MATHESON (Ex-National Dust) jetzt solo, guter, humoriger Typ. ERIC HISAW mit Band (fade). Dann CANADA aus... Ann Arbor, MI im Soho Club. Trotz Verspätung und Soundproblemen irgendwie gigantisch. 2x Tambourine, 2x Cello, 2x Drums, 2x Melodica, 2x Gitarren, dazu einhändiges Xylofon, Bass, mehrere Frontleute... und das alles mit 6 Personen. Wie geht diese Rechnung auf? Sehr gut - Saddle Creek-Ästhetik würd' ich sagen!

 
The Band Of Heathens
Dann CHRIS BATHGATE im selben Club, dieselben Probleme, auch aus Ann Arbor. 10 Leute auf der Bühne: Gebläse, Geige, Vibes, Pedal Steel usw. Stark! Danach im Friends THE LOW LOWS aus Athens, GA (Parker Noon, Ex-Parker & Lily), heavy reverb, Acetone Orgel, vintage/garage Vocals. Mächtig. Dann HALLELUJAH THE HILLS: irish-style Fronttyp plus Musik wie bei Arcade Fire o.s.ä. In der Central Presbytarian Church BOWERBIRDS gesehen, ein Folk/World Trio, langweilig.

Dann rüber zum Habana für die Dexateens. Große Erwartungen, großer Flop. Was man mit 3 Frontleuten (Guitars, Vocals) alles falsch machen kann... brutaler, dumpfer, speediger Krach ohne Nuancen. Schnell vergessen bitte (dabei war die Platte so gut).

Was man mit diesem Format alles aufstellen kann, zeigten dann die texanischen Hoffnungsträger THE BAND OF HEATHENS (bereits lokale Austin-Matadore). Da kommt was auf uns zu! Vier Youngsters plus Resentments-Drummer John Chipman, einer der besten seines Fachs, wurde er doch just an diesem Tage mit dem "Austin Music Award" für "Best Drummer in Austin" ausgezeichnet! Er sorgt mit Bassist Seth Whitney für den rollenden, groovenden Backbeat. Vorne sind nebeneinander Colin Brooks, Ed Jurdi und Gordy Quist aufgestellt - drei völlig gleichberechtigte Sänger, Songwriter und Gitarristen. Zuvor haben sie etwa 10-12 Gitarren an den Bühnenrand geschoben, und, Leute, die werden alle benutzt! Die volle Zeit bis zur Sperrstunde um 2:00 Uhr auskostend, erleben wir eine Rock & Roll/Powerhouse Show allererster Güte, eine Lehrstunde in Sachen Guitar Rock mit Roots Rock, im Format der Drive-By Truckers, aber weniger auf Southern Rock basierend als im Stil von Little Feat ('Sailin' Shoes', 'Dixie Chicken'-Ära, yeah!!) und mit vielen Parallelen zu den legendären True Believers! Alle drei begeistern dazu mit ständig wechselnden Vokalparts, oft innerhalb eines Songs, und mit sehr originellen Harmony/Backing-Arrangements. Diese Truppe strotzt nur so vor Leidenschaft und Begeisterung, beweist dabei ein erstaunliches Maß an Professionalität und innerer Organisation. Bis auf eine mitreißende Fassung von 'Ain't No More Cane On The Brazos' haben sie übrigens das gesamte Material selber geschrieben! Unbelievable!!

Dieses Traditional, u.a. bekannt durch The Band und Bob Dylan, befindet sich auf dem 2. Live-Album der Band mit dem Titel "Live At Antone's", das wir ebenso wie das erste Studioalbum des Quintetts - wenn alles so läuft, wie wir uns das wünschen - in gut 2 Monaten auf Blue Rose erhältlich sein wird. Hier schon mal ein Vorgeschmack:





Donnerstag, 13.3.

Da "Chill"-Thomas das gestern so gut gemacht hat, darf er heute wieder ran! Erwähnen möchte ich noch, dass er seinen Bericht von morgens um 3 bis um 5 Uhr verfasst hat und Punkt 9 Uhr mit dem Laptop bei mir vor der Türe stand. Großes Dankeschön!

Der Donnerstag war schon mal sehr strukturierter, keine spontanen Programmänderungen, dazu war meine Vorauswahl zu eindeutig. Gegen Mittag erstmal zum New West Showcase. Gut, kein John Hiatt in Sicht, aber es lohnte dennoch. RANDALL BRAMBLETT machte solo den Auftakt, war okay. TIM EASTON dann positiv überraschend mit elektrischer Begleitband. Das Ganze erinnerte gar an die alten Haynes Boys, dann stellte sich heraus, dass das die Whipsaws aus Alaska waren. Sozusagen die Bottle Rockets aus Anchorage, noch ein Geheimtipp! Deren Leader Evan Phillips durfte gleich 2 seiner eigenen Songs bringen.

Danach großer Bühnenaufmarsch für BUDDY MILLER. Gleich 2 komplette Drum Sets wurden aufgebaut, für Bryan Owings und Brady Blade. Welch ein Luxus, aber wenn man Buddy Miller heißt... Im Quartett mit Chris Donahue am Bass ging's dann los, aber nur 3 Stücke lang (exquisit), dann war klar, für wen das Zusatzmikro aufgestellt worden war. Nicht für Julie oder Emmylou, sondern für einen wahren Veteranen des Rock'n Roll: JOHNNY "Secret Agent Man" RIVERS!! Ich glaube, der muss 70 sein, sah aber verdammt gut aus und legte vor allem verdammt gut los, übernahm ab da die Buddy Miller-Show mit Blues und R&R, war extrem stark bei Stimme und noch besser an der Electric Lead mit knackharten auf-den-Punkt-Soli, oft im Duell mit Miller. Nichts weniger als sensationell, fand ich.
Dass man gar einem so abgedroschenen Gassenhauser wie "Hound Dog" neues Leben einhauchen kann, soll das untere Video zeigen. Einfach auf das Bild klicken.






Später bestätigten die OLD 97's aufs Angenehmste ihren Ruf als Party-Party-Party-Band und begeisterten vor allem die jungen und älteren Mädels (Rhett Miller has the looks). Ich empfand's als dringend benötigte Dosis Pop. Roots Pop. Guitar Pop. Die DRAMS ließ ich sausen.

Für abends war zum Start der "Antone's"-Club angesagt. Trotz aller Überredungskünste, hier würde man (Mann) was ganz Heißes erleben, wollte niemand mitkommen, befand Mann sich kollektiv im "Tift-Fieber". AMY LAVERE hieß das Objekt meiner Begierde, jüngst auf meinen Seiten im Glitterhouse-Katalog schwer gehypte Newcomerin aus Memphis fürs Roots/Blues/R&R/Jazz/Country/Rockabilly Crossover-Genre. Es freut einen natürlich, wenn man durch solch einen fulminanten Liveauftritt wie heute nachträglich in allem bestätigt wird. Ach was, das ist weit untertrieben, LaVere hat's wirklich drauf, ihr Publikum mit dieser Wahnsinnskombination aus klasse Aussehen, sympathischer Ausstrahlung, toller Stimme und perfekter Beherrschung des akustischen Standbasses zu begeistern, gar zu verführen! Im Trio mit Drums und Electric Guitar (der famose Steve Selvidge). Amy LaVere ist unbedingt ein "Artist to watch", und wer das zweideutig verstehen möchte, hat Recht.

Tja, und das gilt alles auch für den folgenden Act, wofür ich nur ein paar Blocks weitergehen musste: OLGA (der tschechische Nachname ist für Amis zu kompliziert) aus New Orleans spielte solo (Vocals, Electric Guitar) im "Fado Patio", einem Irish Pub, jedoch nur vor etwa 10-15 Fans, zu denen ich mich schon seit ihrer ersten CD zähle. Ihre Art, den Blues des amerikanischen Südens zu zelebrieren, mit Schwerpunkt auf dem Songwriter-Aspekt im Einklang mit ganz viel Wissen um blues-geschichtliche Hintergründe, die hat mich von Anfang an für sie eingenommen. Und genau dieser Eindruck wurde heute nachhaltig untermauert. Ist übrigens gut mit Amy LaVere bekannt, nicht zuletzt durch Jimbo Mathus (Knock-Down Society, Squirrel Nut Zippers), dessen 'Nightingale' heute beide Frauen brachten - schöne Parallelen inmitten des ganzen SXSW-Gewusels! Konnte zuvor kurz mit ihr (auf deutsch) plaudern und, yes, sie ist eine sehr nette, attraktive Person!!

Um 22 Uhr zu den PINES im Rahmen des Red House-Abends. Quartett aus Minneapolis (formerly Iowa) mit 2 Frontleuten (einer ist der Sohn von Bo Ramsey). Beide singen und spielen akustische Gitarren im gehobenen Fingerpicking-Stil. Die Musik basiert auf Folk und geht dann über in eine Art Acoustic Folk Rock mit wunderschönen, warmen, erhabenen Klängen, starken Melodien und viel Harmonie. Strahlen eine souveräne Ruhe aus und werden für die leisen, behutsamen, delikaten Momente (die in diesen Tagen nicht so oft zu erleben sind...) in die 2008er SXSW-Annalen eingehen! Nicht nur formal mein BoDeans-Ersatz für heute Abend, mindestens. Ganz toll!

Danach zusammen mit VfB-Stuttgart-Fan BeeGee (gerade nach dem 6:3 gegen "meinen" SV Werder zeigt sich die Verbundenheit zur Musik ganz deutlich...) rüber zum "Continental Club". Minimum 1x muss man schon hin bei einer SXSW. Heute kommt's aber ganz dicke: Die Hälfte des Yep Roc-Abends ist nämlich noch nicht rum und so stehen noch CHATHAM COUNTY LINE, die SADIES und die IGUANAS aus. CCL begeistern mit ihrer ganz persönlich Mischung aus Bluegrass, Folk und Country. Die Band (und das emphatisch feiernde Publikum) können gar nicht genug kriegen und so spielen sie einfach mitten im Saal unplugged weiter, während die Sadies ihr Equipment aufbauen. Beim Traveling Wilburys-Stück (Titel fällt mir nicht ein) singt der halbe Saal spontan mit. Sowas erlebt man nur hier!

Die 4 Kanadier geben dann unglaublich Vollgas und bieten ihr gewohnt schrilles, unaufhaltsames Programm von Bonanza, Surf, R&R, Cowpunk etc. - allerdings mit dem ganz besonderen "Continental Club"-Enthusiasmus. Ein Mal kommt gar Soul-Legende André Williams hinzu: 'Hey Baby, I Wanna Make Love To You'. Fulminant, fulminant!!

Wenn die Leute tanzen, zum Schluss mit auf der Bühne, wenn sich die VIPs (u.a. ein paar R.E.M.s) glückselig angucken, wenn ein ansonsten eher stoischer Wastelander wie James McMurtry grinsend ins Grooven verfällt und mit einer Mexikanerin an zu tanzen fängt, dann muss die Party gelungen sein. Alles zu beobachten, während des abschließenden Auftritts der Iguanas aus New Orleans. Eine (auch optisch und im Alter) extrem gemischte Combo mit 6 Leuten, die alle ihr Fach bestens verstehen: Electric Guitar, Bass, Drums und Bongos/Congas rhythm & grooven, shufflen, rocken von 1 Uhr bis weit nach Sperrstunde, die Soli kommen ausschließlich von den beiden Bläsern (Sax, Trompete), wobei der Saxer auch als Singer (in spanisch)/Songwriter/Acoustic Guitarist agiert und der mexikanische Gitarrist als Akkordionspieler und Sänger (in englisch). Latin, TexMex, Roots Rock, Jazz usw. - ein besseres Beispiel für NOLA-Gumbo Music kann es nicht geben! Welch ein geiles Finale!!

Danke Thomas - da brauch ich gar nichts mehr zu schreiben, es ist alles gesagt. Zur New West-Party vielleicht noch soviel, dass diese Party wieder im "Club de Ville" stattfand und diesmal so viele Leute da waren wie niemals zuvor. Da triffst du aber auch wirklich jeden, und die 4 Stunden gehen rum wie im Flug. Man muss nur aufpassen, dass man das mit dem Freibier nicht allzu sehr ausnützt und dann abends nicht mehr fit ist.

 
Tift Merritt + Charlie Sexton
Denn der Abend war wieder ziemlich gefüllt mit Konzerten (mit was auch sonst?). Das mit dem von Thomas oben erwähnten "Tift"-Fieber kann ich so nicht stehen lassen, da nur Buffalo, Uwe und ich sowie Steffen den Weg zum Austin Convention Center fanden, um TIFT MERRITT zu sehen, die für eine Live-Fernsehsendung mit der kompletten Band auf der Bühne stand. Großer Saal mit großartigen Kulissen und Hammersound, Tift sichtbar in guter Verfassung und Stimmung. Der 40-Minuten-Auftritt enthielt ausschließlich Songs von ihrem neuen Album "Another Country", die live schön druckvoll rüberkamen, egal, ob sie die Akustische oder die Elektrische umhängen hatte oder das Keyboard bediente. Für den Titelsong kam der auf dem Album E-Gitarre beitragende Charlie Sexton mit auf die Bühne und das zahlreich erschienene Publikum sah ein rockiges Finale.

Weiter ging es in "Habana Calle Patio", wo gerade Magnolia Summer (mit Bottle Rockets-Gitarrist John Horton) ihren Set beendet hatten. Ich unterhielt mich dann noch eine Zeitlang mit ihm, während im Hintergrund GLOSSARY mit Gitarrenrock und Female Vocals begannen. Die Bottle Rockets gehen im Juli ins Studio, um ein neues Album aufzunehmen, und die Band steht bereits ganz weit oben auf der Liste für unsere diesjährige Christmas Party! Ein "sounds great" lässt mich hoffen, dass das auch klappen wird.

Wir mussten weiter ins "Antone's", wo BUDDY MILLER angesagt war. Gleiche Besetzung wie am Nachmittag (siehe oben), allerdings diesmal nicht "Johnny Rivers featuring Buddy Miller on electric guitar", sondern Buddy Miller pur! Er ist ein Meister seines Faches, keine Frage, und jede seiner Shows ist anders - bei dem umfangreichen Repertoire nicht verwunderlich. Und dann erlaubt er sich, auch noch Covers wie "The Price Of Love" einzubauen und diesem Klassiker eine eigene Note zu geben. Intelligent vorgetragener Gitarrenrock kann nicht besser klingen. Note 1!

 
BoDeans
Direkt anschließend JAMES McMURTRY, aber so richtig wollte uns dieser Auftritt nicht begeistern - da lagen einfach Welten dazwischen zur Show des Samstags unserer Ankunft. Mag es die große Halle gewesen sein, die nur halb gefüllt war, oder das Gelaber und das Gläsergeklapper an der Theke, jedenfalls machten wir um halb eins die Fliege und gingen wieder auf der 6. Straße, die prall gefüllt war von einer Menschenmenge unvorstellbaren Ausmaßes (das kann man einfach nicht beschreiben, was da los ist, das muss man gesehen haben).

Mit dem "Bourbon Rocks" verband ich keine gute Erinnerung, spielten doch vor 2 Jahren dort die Bottle Rockets vor fast leeren Rängen, obwohl draußen vor der Tür Leute standen, die nicht mehr reingelassen wurden. Zudem waren die unzähligen Flimmerkisten, die während des Auftrittes weiterliefen, sowie das Geländer um die Bühne nicht gerade stimmungsfördernd. Doch man scheint Lehren daraus gezogen zu haben, denn die Flat Screens waren fast komplett verschwunden wie auch das Geländer auf der Bühne. Jetzt ist das "Bourbon Rocks" ein klasse Club, und wenn man dann noch einen so guten Platz erwischt wie wir, nämlich direkt hinter einer Balustrade auf dem 1. Level, dann macht das noch mehr Spaß. Die BODEANS sollten den perfekten Abschluss des Abends werden, und sie waren es dann auch! Los ging es mit dem ersten Klassiker, "Idaho", gefolgt vom zweiten, "Ballad Of Jenny Rae". Danach mit "First Time" ein Song vom neuen Album "Still", das wir übrigens ab Montag auch über unseren Webshop anbieten können. "Fadeaway" durfte natürlich auch nicht fehlen wie weitere Ohrwürmer dieser extraordinären Poprock-Institution, aber nach insgesamt 7 Stücken war leider bereits wieder Schluss, so schnell wie es begonnen hatte. Bleibt nur die Hoffnung, irgendwann einmal ein Konzert von Kurt Neumann, Sam Llanas & Co.in voller Länge sehen zu können. Aber besser 40 Minuten als gar keine, richtig? Ganz großes Kino!



Freitag, 14.3.

 
Shurman
 
Shelby Lynne
Ich hatte mich noch gar nicht über das Wetter ausgelassen. Aber da ich gehört habe, dass es zuhause in Deutschland doch ziemlich übel ist, kann ich von hier eigentlich nur Positives berichten. Bis auf den Montag, der von morgens bis in den Nachmittag total verregnet war, zeigt dich die Sonne jeden Tag von ihrer besten Seite. Was für Texas-Verhältnisse im März dann gleich 25 bis knapp an die 30 Grad bedeutet. Da kann man es ganz gut aushalten, denn vor allem ab Mittwoch finden unheimlich viele Veranstaltungen im Freien statt, wie auch am Freitag bei "Maria's Taco Express", den South Lamar Boulevard hoch. Ich war schon einige Jahre nicht mehr dort gewesen und stellte fest, dass sich das Restaurant doch extrem zum Guten verändert hatte. Und auch das musikalische Programm konnte sich mehr als sehen lassen. Überlassen wir die Zusammenfassung doch gleich Thomas "Chill Music" Dewers, der fast den kompletten Nachmittag mit Uwe und mir verbracht hatte - bis auf die Auftritte con COLLIN HERRING, der leider nur mit elektrischer Gitarre und Pedal Steeler seine Songs darbot und nicht annähernd an die Qualität seiner CDs herankommen konnte. Das gilt genauso wie für SHURMAN, die auf Tonträger einen erfrischenden Gitarrenrock/Alt.Country produzieren - live kam das zwar gut an, aber als "Knaller" konnte man es nicht bezeichnen.

Tag #3 war der bislang anstrengendste. Obwohl wir den ganzen Nachmittag gesessen haben. Der Reihe nach. Um 14 Uhr In-Store Showcase im Waterloo mit SHELBY LYNNE. Natürlich brutal voll, bin aber gerade noch reingekommen. Vier Dusty Springfield-Nummern, klar, die mir in diesem intimen Rahmen (Acoustic Guitar, Bass, Drums) doch gefallen haben. Inkl. des einen Tony Joe White-Songs - wie eine böse Zunge behaupten könnte: das einzige Highlight ihres Albums...

Dann rüber zu Maria's Taco an der S.Lamar. Bei sengender Hitze um 30° und fettigem aber leckerem Mex-"Frühstück" (vorher war mal wieder keine Zeit) mit reichlich Shiner zum Runterspülen im Schnelldurchlauf unter knappster Umbauzeit gesehen:

 
The Tennessee Boltsmokers
JESSE DAYTON & BRANNEN LEIGH im Acoustic Duo - überzeugende Performance, ergänzen sich gut wie auf dem aktuellen Album. Die WHIPSAWS! Umgekehrt wie gestern. Diesmal legt das Quartett aus Alaska alleine los, danach kommt TIM EASTON dazu. Erste Belastungsprobe für die Ohren, unser Tisch steht ca. 30 cm vor der Bühne... Die Whipsaws geben die volle Bottle Rockets-Kante - 1000x kopiert, eher selten allerdings in dieser schwer anmachenden Qualität mit reichlich Gibson/Telecaster Duels. Alle Achtung! Und endlich nach drei Tagen (naja, die Arizona Wüstenrocker fehlen hier kollektiv) das erste Neil Young-Cover: 'Mr. Soul'. Einziger Act hier, für den sich das Publikum (und wir vorneweg) eine Zugabe erklatschten.

Dann gibt's ass-whuppin', hard kickin' Alt.Country Rock und Trailer Park-Cowpunk aus Alabama (oder war's Georgia?). Die MOTHER TRUCKERS machen ihrem Namen alle Ehre. Die Frontlady, deren Name mir grad nicht einfällt (nächstes Jahr kommt die Datenbank mit!), im Stil einer wahren "Red Hot Mama", die mit ihrem schwer an der Gitarre werkelnden Partner wie ein 16 tons White Freightliner über uns hinwegrollt. Klasse. Danach wieder THE BAND OF HEATHENS, wozu alles gesagt wurde, aber nur mit vier Nummern. Die waren da gerade mal warmgelaufen.

Gestern Chatham County Line, heute THE TENNESSEE BOLTSMOKERS aus Memphis im Opal's Divine Backyard. Madjack Recording Artists! Diese Gelegenheit, nochmal duften Bluegrass zu sehen, konnte ich mir nicht entgehen lassen. TNBS haben einen dominanten Singer/Songwriter/Guitarist als Frontmann im Zentrum. Dazu Mandoline, Banjo, Standbass und - sehr schön - keine Fiddle, sondern ein Könner an Dobro + Acoustic Lead! Bringen Covers von Don Williams und Eddie Rabbitt. Gelungener Auftakt und noch eine Schonfrist für die Ohren.

Den Abstecher nach gegenüber ins "Momos" hätte ich mir sparen sollen. Habe noch drei Songs von RYAN BINGHAM und seiner brachial (Blues-) rockenden Begleitcombo mitbekommen - unangenehmes heavy Texas-Zeug ohne jede Identität. Bin gespannt, ob Edgar diesen Absatz zensiert :-)

 
Jim Cuddy und Greg Keelor (Blue Rodeo)
 
Antietam
Anstellen vorm "Antone's" in 3er-Reihen. Absoluter Badge/VIP-Aufmarsch für uprising Superstar BASIA BULAT aus Toronto. Ich sag nur: Kanada/Feist-Faktor (das fällt auf, Kanadier sind hier im Großen und Kleinen das Thema). Ich war vermutlich einer der letzten, der aus der Wristband-Reihe gerade noch reingelassen wurde, um dann drinnen wenigstens noch einigermaßen sehen zu können. Originelle Besetzung mit Drummer, Keyboarder und zwei Frauen rechts und links von Bulat mit Geige bzw. Mandoline, beide auch diverse Percussion-Sachen und - das macht hier einen großen Reiz aus - mit Harmony Vocals. Alles ganz junge Leute. Basia sitzend mit Autoharp, später Gitarre. Was hängenbleibt: großartige Stimme, interessantes Material mit einem Mix aus "modernem" Mountain Folk, Alt.Folk Rock, Indie Pop und angesagten "Kanada/Welt"-Zutaten. Eine dynamische, rhythmisch abwechslungsreiche Performance mit einer wenig souveränen, völlig unentspannten Hauptperson. Egal, war dennoch zufrieden, denn Basia Bulat spielt definitiv in einer anderen Liga als all die unsäglichen Joanna Newsoms dieser Tage. So dicht wird man in Zukunft nicht mehr an sie rankommen, jede Wette!

Danach quer durch Party-Austin hoch ins "Wave Rooftop", also mit all dem Krach der 6th Ave. und brutalstmöglichem Hardcore-Gewitter von unten. Die Indie Rock-Veteranen ANTIETAM aus NYC schafften es, mit einem der intensivsten und kompromisslosesten Rock-Gigs, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind, allen Widrigkeiten entgegenzutreten: Praktisch vom ersten Riff an kamen Tara Key + Tim Harris (plus Drummer und ihrem Produzenten an 2. Gitarre) auf den Punkt - gnadenlos, düster, humorlos, entfesselt, permanent brodelnd, so muss Rockmusik wohl zu legendären CBGB's-Zeiten geklungen haben. Schwerpunkt das Material des neuen Doppelalbums, das von mir kürzlich ja schon abgefeiert wurde (sonst wär ich hier wohl auch nicht hingegangen).

 
J. Cuddy, Oh Susanna, M. McClelland, G. Keelor
BLUE RODEO. Kleine Gedenkpause, tief durchatmen, sich auf den großen (sowieso, aber weil auch für 90 Minuten vorgesehenen) Event freuen. Eine meiner unverzeihlichsten Konzertlücken sollte nun geschlossen werden. Wie oft, wenn man so vorprogrammiert ist, läuft man Gefahr, den Blick zu verklären und irreal zu schwärmen. Mit der nötigen zeitlichen Distanz kann ich sagen, dass das ein ganz toller Abend war, endlos unterhaltsam (vor allem wegen der Gäste), musikalisch hochwertig und dass dort ausschließlich grundsympathische Leute auf der Bühne standen, die mehr als einen Hauch von CanAmericana-Kultur ins teilweise doch sehr (ähem...) platte texanische Musikgeschehen brachten. Ansonsten gilt weiterhin mein Fazit einer früheren CD-Rezension für Chill@GH: "great, greater, Blue Rodeo". Allein: magisch war es nicht. Dafür sehr kurzweilig: Bereits nach 10 Minuten kamen Luke Doucet und seine Liebste, Singer/Songwriterin Melissa McClelland, dazu. Mit eigenen Beiträgen und fortan immer wieder mit reichlich Cameos. Beide echte Hingucker - sie mit klasse Gesang und souverän-charmanter Perfomance im roten, wirklich sexy Cowgirl-Outfit, er als unglaublicher Gitarrist. Gar keine Frage, dass wir gestern mit Doucet einen der besten des gesamten Festivals erleben durften!!! Ferner dabei: NQ Arbuckle, Dallas und Travis Good von den Sadies, Oh Susanna und Rhett Miller (Old 97's). Beim hymnischen Ende mit 'Lost Together', bei dem alle zusammen auf der Bühne standen, träumte ich von 'I Shall Be Released' aus dem 'The Last Waltz'-Film.

 
North Mississippi Allstars
Nur die Wahrscheinlichkeit einer zu erwartenden Powervorstellung der NORTH MISSISSIPPI ALLSTARS ließ uns dann an unserem Hotel vorbeigehen. Ich gebe zu, die Aussicht auf mein Bett war schon extrem verlockend. Aber wofür ist man hier??!! Insgeheim hatte ich gehofft, die zuvor auftretende Amy LaVere nochmal zu sehen, aber das war nicht zu schaffen. Derart Gäste sind beim Trio aus Oxford, MS leider auch nicht drin, schließlich haben sie den körperlich umfangreichsten Musiker selber als Bassisten in ihren Reihen. Ich schätze mal locker 2,50 x 2,10 x 2,10 m - ein Schrank, in den ein Großteil meiner CD-Sammlung passen würde. Zur Musik: Das ist kurz erzählt: Shake Shake Shake, Dauerbefeuerung von Drummer Cody Dickinson, Shake Shake Shake, Bassgewitter von rechts außen, Shake Shake Shake, links außen steht Luther Dickinson, ein Wahnsinnstyp - Frontmann, Slidegitarrist, Sänger in einem, Shake Shake Shake, eine einzige Groove-Welle tobt über das emphatisch und kollektiv ausrastende, sehr junge Publikum, Shake Shake Shake, Dopeschwaden, wo man ansonsten in Austin kaum noch jemanden rauchen sieht, Shake Shake Shake, andauerndes Arme-in-den-Himmel-strecken, Shake Shake Shake. Ich weiß nicht, ob 'Ol' Black Mattie' 15 oder 20 Minuten lief, gefühlt waren es drei Stunden. Wenn ich jemandem den Begriff Southern Jam Rock erklären sollte: Mann, geh' hin zu dieser kolossalen Konditionswundertruppe!

Soviel Thomas mit seinen wunderbaren Beschreibungen seines Tages. Leider können wir von den offiziellen Showcases keine Videos machen, aber bei den einmaligen Reviews von Thomas ist das auch gar nicht nötig!

 
Ryan Bingham
Den Satz von ihm weiter oben zu RYAN BINGHAM kann ich so nicht stehen lassen! Zum Glück ist Musik ja Geschmacksache und ich sehe den Mann ganz anders. Vor einiger Zeit war ich dank eines Tipps eines Mailorderkunden auf ihn gestoßen und habe mir einfach mal so sein Album "Mescalito" besorgt, erschienen auf dem Lost Highway-Label, was ja schon so etwas wie den Ritterschlag für einen Musiker bedeutet. Und tatsächlich hatte das Album alles, was einen Blue Rose-Labelchef und seine Kundschaft einfach anmachen musste: Kernigen Roots Blues Rock, heftig elektrisch in Bruce Springsteen- und Steve Earle-Richtung tendierend. Live kommt das dann alles noch viel kräftiger rüber mit 3 E-Gitarren, Lap Steel, Bass und Drums. Dazu spielt Bingham eine gnadenlos harte Slide, und bis auf vielleicht einen knappen Song geht das 45 Minuten lang nur straight nach vorne. Auch die beiden links und rechts stehenden Gitarristen geben mächtig Gas, und das soundmäßig eh nur vom feinsten ausgestattete "Momos", sehr gut gefüllt für eine 20 Uhr-Show, bebte nicht schlecht. Ein perfekter Start in den Abend.

 
Wrinkle Neck Mules
Der dann allerdings leider einen Dämpfer bekam, als wir zur einzigen Show "unserer" WRINKLE NECK MULES ins "Waterloo Ice House" gingen. Dort auch wieder einmal die Kollegen Wolfgang sowie Ralf Rischke und seine Frau Iris getroffen. Ralf Rischke macht Veranstaltungen in Lauchhammer im "Real Music Club", darunter auch viele mit Blue Rose-Künstlern, und er ist immer auf der Suche nach neuen Acts.
Wrinkle Neck Mules waren noch nicht ganz fertig mit ihrem Aufbau und ich konnte mich kurz mit Sänger/Gitarrist/Songschreiber Andy Stepanian unterhalten. Nach einer längeren Pause hat sich die Band wieder zusammengetan und beginnt, neue Songs zu schreiben, um mit einem neuen Album am Start dann auch nach Europa zu kommen. Zunächst aber sind wir im "Waterloo Ice House", die Besucher ganz komisch gemischt und irgendwie nicht unbedingt als "Musikkonsumenten" zu bezeichnen. Entsprechend war dann auch der Lautstärkepegel - Gequassel, Gekreische, wenn die eine wieder mal eine Bekannte gesehen hat - die Musik war so etwas wie Hintergrundunterhaltung. Den Versuch, einen Song als Video aufzunehmen, ließ ich fallen, das wäre nie und nimmer etwas geworden. Zudem war der Sound grottenschlecht, der Gesang und die E-Gitarre kaum vorhanden - jammerschade, das Ganze.

 
Melissa McClelland und Luke Doucet
 
J. Cuddy, M. McClelland und NQ Arbuckle
Zwischen WNM und dem nächsten Höhepunkt dieses Jahres hatten wir eine gute Stunde Zeit, allerdings mussten wir auch eine ganz schöne Wegstrecke zurücklegen. Gegen halb Elf kamen wir im Club "Smokin' Music" an, der mir zunächst überhaupt nichts gesagt hatte. Liegt auf der Trinity und hieß früher einmal "Coppertank". Überhaupt wechseln hier die Club-Namen immer wieder. Sobald der Club umgebaut ist, was hier alle paar Jahre passiert, wird auch gleich ein neuer Name genommen wie nun auch hier. Zwei große Räume, praktisch ein Vorraum und weiter hinten dann der Saal mit Bühne.
Auf dem Programm standen BLUE RODEO aus Kanada, eine meiner absoluten Favorites, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Es ist unglaublich - in ihrer Heimat füllen die locker 2.000er-Hallen, und hierzulande sind die seit 20 Jahren ein Geheimtipp. Aber auch im "Smokin' Music" war der größte Zuschaueranteil aus Kanada, das sah man während der Show nicht nur an den glänzenden Augen und an den strahlenden Gesichtern, das hörte man auch, denn die Leute sangen die Songs zum Teil komplett mit! Und die Songs? Was soll ich sagen - das sind Ohrwürmer mit Gänsehautcharakter. Die beiden Köpfe der Band, Jim Cuddy and Greg Keelor, ergänzen sich nicht nur beim Songwriting auf das Beste, auch ihre beiden Stimmen bilden Harmonien von unglaublicher Wärme. Den Ablauf hat Thomas eigentlich schon wunderbar beschrieben. Das velleicht einzige Manko an dieser Gänsehaut-Show war, dass Blue Rodeo durch die vielen Special Guests zu wenige eigene Songs darbieten konnten. Aber hey - wer kann schon von sich behaupten, in 90 Minuten die Creme de la Creme der kanadischen Musikwelt gesehen zu haben?



Samstag, 15.3.

Day Party #4 war angesagt nach Guitartown, New West und Maria Taco's Express. Das "Jovitas" liegt auf der 1st Street südlich des Colorado und hat sich in den letzten Jahren aus einem ziemlich kleinen TexMex-Lokal zu einem In-Lokal der 1. Klasse entwickelt. Vor einigen Jahren wurde aufgrund der vielen Anfragen neben den Indoor-Shows auch eine idyllisch gelegene Outdoor-Stage geschaffen, und bei schönem Wetter kann man jetzt abwechselnd von außen nach innen gehen und sich von 12 Uhr bis in den späten Abend mit toller Musik volldröhnen lassen.

Ich bekam noch die letzten beiden Songs der WHIPSAWS mit, und endlich konnte ich auch einen Song als Video festhalten, so kann ich mir die erneute Beschreibung sparen.



Danach das gleiche Spiel wie am Tag zuvor - TIM EASTON kam hinzu und nahm sich die Whipsaws als Backing Band. Easton ist meines Erachtens einer der besten Singer/Songwriter unserer Zeit und leider immer noch total unterbewertet. Er schüttelt tolle (Rock-) Songs nur so aus dem Ärmel wie etwa das kernige "Baltimore", das wir ebenfalls als Video anbieten können.



Anschließend rein ins Lokal, wo CHUCK PROPHET auftrat. Chuck live ist eine der besten, unterhaltsamsten und intelligentesten Rock-Shows, die ich mir vorstellen kann, und nur zum Teil kann er diese Fähigkeiten auch auf Platte übertragen. Schade, dass er nicht mehr bei uns unter Vertrag ist, denn ich würde als Nächstes unbedingt eine Live-CD/DVD von ihm veröffentlichen.



Kleine Pause mit (vielversprechendem) geschäftlichem Meeting, ehe um 16 Uhr BLUE MOUNTAIN auf dem Programm standen und bis auf 1,2 Ausnahmen den Set der Guitartown Party wiederholten. Auch diesmal holte Cary Hudson alles aus sich und seiner Gibson Les Paul heraus und bot eine fulminante Rootsrock-Show. Die Band arbeitet derzeit an 2 neuen Alben - zum einen an einem mit Neueinspielungen früherer Songs, zum anderen ein Album mit komplett neuem Material. Beide Alben werden im Juli zeitgleich erscheinen und die Chancen, dass dies in Europa auf Blue Rose der Fall sein wird, stehen sehr gut.

Ortswechsel - im "Waterloo Ice House" stand für 18 Uhr die CODY GILL BAND auf dem Programm, die astreinnen Alt.Country fabrizieren und von denen wir ein Video zum Stück "Love Is Never Caged" aus ihrem Album "Boxcars" annbieten können.



Bei den Abendshows stand zunächst der offizielle Showcase von TIFT MERRITT im Mittelpunkt. Das "Parish", ein extrem guter Rock-Club auf der 6. Straße und im 1. Stock gelegen, war eine sehr gute Wahl für den Auftritt der feschen Blondine aus Raleigh, North Carolina - viel Holz, große Soundanlage, hohe Bühne, dazu ein kühles Shiner - fast 100 Punkte, nur an der Lightshow muss noch etwas gearbeitet werden. Das war dann auch der gravierende Unterschied zur TV-Show vom Donnerstag im Convention Center, wo eine fantastische Lightshow die Akzente gesetzt hatte. Tift vor der Show recht nervös hinter der Bühne, wo sie sich nochmals ganz dicke bei mir für die Unterstützung bezüglich ihres neuen Albums "Another Country" auf unserer Website bedankte. Leider dauerte ihr Auftritt nur 35 Minuten, doch es besteht die Hoffnung, sie bereits im Mai in Deutschland wiederzusehen, wo einige Shows in Planung sind.

Zu Fuß zurück ins Hotel, ins Auto gesetzt und (wieder einmal) zum "Waterloo Ice House" gefahren, wo The Band Of Heathens auftreten sollten. War aber ein Satz mit X - Fehlinformation! Mist, dann hätten wir uns auch die Lemonheads anschauen können. Aber wenn schon mal beim Waterloo Record Store, kann man sich gegen die magnetische Anziehungskraft dieses Plattenladens nicht entziehen und ich habe wie gewohnt einige Perlen mitgenommen.
Auto auf dem Hotelparkplatz abgestellt und zurück auf die 6. Straße, wo wir zwei Stunden zuvor schon einmal waren. Der Bär tanzte in unvorstellbarem Ausmaß, eine wahnsinnige Menschenmasse bewegte sich von links nach rechts und umgekehrt, aus den unzähligen Clubs und Lokalen dröhnte eine Mischung aus Rock, Punk, Hip Hop, Dance, Rap oder Country, die seinesgleichen sucht. Tohuwabohu, Remmi Demmi in hundertfacher Potenz! Die letzte Anlaufstation, der "Velveeta Room", sollte nochmals zu einem absoluten Highlight werden, den Thomas "Chill Music" Dewers auf Trefflichste beschreiben wird, dem ich hiermit das Wort übergebe.

Tribut zollen! War es der eine Gig zuviel? Oder ein faules Shiner dazwischen? Jedenfalls begann der Samstag als mein Durchhängertag. Schlapp, Fieber, gut fertig. Was sich später als schnöde, handfeste Bronchitis herausstellen sollte (Klimaanlage!). Aber schließlich sind wir nicht hier, um im Bett zu liegen, also Advils rein und los ging's. Mit einem Zufalls-Appetizer im Waterloo Shop. Während ich mich durch die Neuheiten auf den vielen iPods zappte, weckte im Hintergrund ein nicht sehr zahlreich besuchter Instore Showcase-Act meine Aufmerksamkeit, den ich schändlicherweise gar nicht auf der Rechnung hatte: OLA PODRIDA aus Brooklyn mit Austin-Verknüpfung. Das Quintett um David Wingo spielte jene unwiderstehliche Kombination aus Singer/Songwriter, Alt. Folk und Indie Pop mit feinen laut-und-leise Sensibilitäten, lakonischem Gesang und filigraner Songkunst (und mit Anklängen an die Volebeats), die in diesen Tagen sicher nicht allzu oft zu bestaunen war. Erzählten, dass sie schon in Deutschland auf Tour waren. Dazugelernt, CD gekauft!

Die Planung: vorm großen Finalabend nochmal kurz aufs Bett, dann um 7.30 pm rüber zu TIFT MERRITT ins Parish - ein Mal wollte ich sie hier auch sehen. Die Wirklichkeit: um 5 vor 8 schweißgebadet und eher zufällig aufgewacht... Okay, hopp oder topp: fit geduscht, neue Klamotten, nochmal Tabletten, im Eiltempo zur 6. Straße, alles in 25 Minuten. Die letzten 3 Titel mitbekommen - sehr nett. Zur 9 Uhr-Phase hatte ich ein paar Optionen auf dem Zettel. Bei M.Ward in der St. David's Church kam ich nicht rein - Badges only. Next try: JENN GRANT aus Halifax. Gut gelaunter Alt.Pop/Folk mit Fiddle-Begleitung und etwas zuviel in-between Gescherze. Noch kurz nach nebenan zum Saddle Creek-Abend, da wütete allerdings gerade deren Härtefraktion mit Ladyfinger, schade. Son, Ambulance spielten davor, Georgie James danach - es klappte halt nicht immer alles!

 
Justin Townes Earle
 
Masha Marjieh (Deadstring Brothers)
Aber dann gab's doch noch alles. ALLES. Le Grand Finale! Es war erst 10 pm und ab hier wurde der Abend legendär, ein Höhepunkt jagte den nächsten: Ich stand vor der Bühne des "Red Eyed Fly" und blickte zu dem hochaufgeschossenen JUSTIN TOWNES EARLE empor - ein Typ wie die Reinkarnation von Hank Williams und Woody Guthrie, musikalisch und optisch. Zusammen mit seinen engagierten Begleitern (Geige, Mandoline/Harmonica, Piano und Bassgitarre) lieferte er die stärkste Mischung aus Depression Country, Hobo Folk, Louisiana Hayride, Honky Tonk und Rockabilly, die ich in diesen Tagen gehört habe. Aber letztlich war Earle's eindrucksvolle On-stage-Präsenz mit ganz viel Charisma ausschlaggebend für meine Wahl zum Gig No.1 dieser SXSW. Und das wirklich herausragende Songmaterial, besonders zu bewundern anlässlich einer solo zelebrierten Nummer, bei der sogar den auf der Bühne andächtig verweilenden Musikern der Atem zu stocken schien! Nichts weniger als magisch. Oder in leichter Abänderung eines berühmten Zitats: I saw country's future and its name is Justin Townes Earle.

Kurz darauf am selben Ort die DEADSTRING BROTHERS - es war ja schließlich die "Bloodshot"-Label-Nacht. Allerdings dürfte besonders "Sister" Masha Marjieh die sicher nicht nur männlichen Blicke auf sich gezogen haben. Von der ehemaligen Backingsängerin zur am Bühnenrand rockenden Powerfrau im Schnelldurchlauf! Das Sextett bot eine höchst unterhaltsame Rockperformance mit einem breiten Bogen von classic 70s über Blues bis Country Rock wie auf dem aktuellen Album. Tolle Soloduelle zwischen Orgel und Lead Guitar/Slide/Pedal Steel einerseits und Marjieh und Bandchef Kurt Marschke als Sänger und für die Bühnenshow. Ich dachte an Delaney & Bonnie Bramlett oder an eine fiktive Ausgabe der Rolling Stones mit Tina Turner anno 69/70.

Rechtzeitig rüber zum "Velveeta Room" - mein meist besuchter Club in diesem Jahr, wenn auch oft nur für ein paar Songs. Diesmal konnte es gar nicht lange genug dauern, immerhin waren nacheinander Luke Doucet & Band und... yes-yes-yes! NQ Arbuckle angekündigt. Canada Power total!! Was dann aber folgte, sollte alle Erwartungen übertreffen. LUKE DOUCET & THE WHITE FALCON (Bass, Drums und Melissa "rot-ist-meine-Lieblingsfarbe" McClelland) kamen auf die Bühne und NQ (Neville Quinlan) war gleich mit dabei.
 
Luke Doucet & White Falcon
 
NQ Arbuckle
Den Text ablesend sang er im Duett mit Melissa, Luke an seinem Markenzeichen, der weißen Gretsch-Gitarre - erstes Weltklasse-Solo. Nächstes Stück: zwei Typen von Elliott Brood (eine Art kanadische 16 Horsepower) wechselten sich mit Vocals und Tanzeinlagen ab, die Texte lagen handgeschrieben auf dem Boden und wurden zusätzlich an eine Wand projeziert. Danach kam Jason Nowicki von der Blues Rock-Truppe The Perpetrators als neuer Sänger (für 'I Was In Woodstock The Day Rick Danko Died') hinzu: Text ablesen, dramatische Gesten, nächstes Luke-Weltklasse-Solo... usw. usw. usw. Strange, was ging hier ab? Es dauerte eine Zeit (mit den dazugehörigen Infos von Toronto-Fachmann Steffen Paulus, der dort lebt und alles über jene Szene - und auch sowieso sonst - weiß), um zu kapieren, dass Luke Doucet selber an diesem Abend keinen einzigen seiner neuen Songs singen würde. Er hatte drei Tage zuvor seine Stimme verloren und deshalb auch beim Blue Rodeo-Gig "nur" Gitarre gespielt. Sowas glaubt man doch nicht! Nun musste also improvisiert werden, was natürlich für die eng zusammenhaltende Toronto-Fraktion kein Thema war. Und für uns das allergrößte Vergnügen. Denkwürdiges Vergnügen!

Nach kurzer Umbaupause "beerdigten" dann NQ ARBUCKLE die SXSW 2008. Country Rock, Guitar Rock, Prairie Rock in klassischer Quartettbesetzung mit Neville Quinlan als phantastischer Frontman, der sein Publikum zu jeder Zeit mitreißen kann - mit großer physischer Präsenz, klasse Insider Jokes und höchsten Sympathiewerten. Die zu fortgerückter Stunde mehrheitlich aus Kanada stammenden Zuschauer (und zwei Handvoll Germans, denen die Tränen der Glückseligkeit aus den Augen liefen) waren euphorisiert und tanzten leidenschaftlich zu ihrer/unserer Lieblingsmusik.




Sonntag, 16.3.

Der Sonntag war ein "music free day" und wir nutzten ihn nochmals zum Shopping und einem Ausflug and den Lake Travis, ca. eine Fahrstunde nordwestlich von Austin gelegen. Ein wunderschönes Ausflugslokal mit dem Namen "Oasis" liegt direkt am See und von der Terrasse hat man einen atemberaubenden Blick auf den See. Mit ca. 1.800 Sitzplätzen ist das "Oasis" übrigens das drittgrößte Lokal von ganz USA - architektonisch sehr hübsch und prunkvoll, aber bei weitem nicht dekadent gebaut und eingerichtet. Ganz dicker Tipp für Texasreisende!

Abends dann traditionell die Restbestände Shiner aufgebraucht. Die "Suite" von Thomas eignete sich hervorragend dafür, und wie in früheren Jahren, wenn wir als kleine Clique nach Austin gefahren waren, ließen wir das Festival nochmals Revue passieren und gaben Bewertungen ab, was anhand nachstehender Tabelle nachzulesen ist.

Als persönliches Fazit kann ich sagen, dass mein 14. SXSW eines der schönsten, interessantesten, ausgefülltesten, abwechslungsreichsten und wohl auch geschäftlich erfolgreichstes war. Und nachdem auch das Wetter voll mitgespielt hat, wird SXSW 2008 wohl nicht so schnell in Vergessenheit geraten.




TOP 3 Shows Best Non-Official Showcase Größte Enttäuschung Entdeckung Beauty Best Club Worst Restrooms
Thomas 1. Justin Townes Earle
2. Luke Doucet & White Falcon/NQ Arbuckle
3. The Pines
Buddy Miller feat. Johnny Rivers Dexateens The Band Of Heathens Amy LaVere Continental Club Continental Club
Didi 1. Okkervil River
2. Felice Brothers
3. Was Not Was
Trail Of Dead - Black Keys Frontfrau von Alabama 3 La Zona Rosa Opal Divine
BeeGee 1. Iguanas
2. Papa Mali
3. Pines
Drew Glackin Memorial Choir Suzie Riddle Spottiswoode & his Enemies Shelby Lynne Continental Club Hole in the Wall
Buffalo 1. R.E.M.
2. BoDeans
3. Buddy Miller
Blue Mountain Constantines The Band Of Heatens Tift Merritt Hole In The Wall Continental Club
Uwe 1. James McMurtry
2. Luke Doucet
3. Pear Ratz
Whipsaws Dexateens The Band Of Heathens Tift Merritt Momos Antone's
Wolfgang 1. Beaver Nelson
2. Shelby Lynne
3. Resentments
Beaver Nelson Suzie Riddle Matt The Electrician Shelly Knight Saxon Pub Hole In The Wall
Edgar 1. The Band Of Heathens
2. Blue Rodeo
3. Luke Doucet
James McMurtry Grady Whipsaws Tift Merritt Smokin' Music Hole In The Wall