DURHAM, LINCOLN




The Shovel Vs. The Howling BonesCD 9,50
The Shovel Vs. The Howling BonesLP+CD (Personal Vinyl Edition) 21,90


Das Hill Country um Austin im Südwesten von Texas muss einen ganz besonders fruchtbaren Boden haben - soviel gute wurzelnahe Musik, wie sie hier in Jahrzehnten entstanden ist, findet man kaum woanders in den an reichen Kulturgegenden nicht gerade darbenden Vereinigten Staaten. LINCOLN DURHAM heißt die neueste Attraktion aus Austin - er trägt die Farbe des Blues, jenes urwüchsigen, rohen Blues, der vom texanischen Country infiltriert ist und der so kraftvoll, ehrlich und authentisch, gleichzeitig aber auch frisch und jugendlich wirkt, wie man so etwas schon lange nicht mehr gehört hat. Nicht in dieser Qualität, nicht in dieser unwiderstehlichen, gnadenlosen Power. "If you dig Son House and Townes Van Zandt... Lincoln Durham is your man. Don't come no cooler." Dieses Zitat stammt von dem großen texanischen Roots Rock-Musiker Ray Wylie Hubbard. Er darf das behaupten, denn er kennt Lincoln Durham wie kein anderer, er hat sein erstes Album produziert: The Shovel Vs. The Howling Bones.

Durham stammt aus Zentraltexas. Geboren in Whitney, aufgewachsen in Itasca entlang der Interstate 35 begann er bereits mit 4 Jahren Geige zu spielen, mit 8 nahm er an Fiddle-Wettbewerben bis hinein nach Arkansas und Oklahoma teil und mit 10 gewann er die Texas State Youth Fiddle Championship. Wie so viele sattelte er während der High School-Zeit auf die elektrische Gitarre um und versuchte sich an Vorbildern wie Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan. Danach dauerte es nicht mehr lange und er entdeckte seine Neigung zum Songwriting und seine Vorliebe für alte Instrumente wie seine geliebte Gibson J45. Sein früh entwickeltes, technisch sicheres Slide Guitar-Spiel und seine tiefe, knurrende Reibeisenstimme ließen ihn wie einen erfahrenen Blueser klingen, der drei Mal so alt schien wie der Youngster Durham. Diese so sehr besondere Erscheinung weckte das Interesse vom Produzenten-/Musikerteam Ray Wylie Hubbard und George Reiff. Die beiden hatten in 2008/9 schon für die Band Of Heathens und den Gourds-Ableger Shinyribs zusammengearbeitet und natürlich für das epochale Hubbard-Album A. Enlightenment B. Endarkenment. Lincoln Durham hatte sie so beeindruckt ("the real deal"), dass sie ihn motivierten, nach Austin umzuziehen, und ihm anboten, über eine anfängliche 4-Tracks-EP hinaus ein komplettes Album zu produzieren.

The Shovel Vs. The Howling Bones ist das fulminante Ergebnis einiger Sessions im Studio von Recording Engineer George Reiff. Mit seiner langjährigen Erfahrung als Bassist für Jon Dee Graham, Michael Fracasso, Ian Moore, Michael Hall, Charlie Sexton, Bruce Robison, Joe "King" Carrasco u.v.a. weiß Reiff natürlich wie eine Roots'n Blues Rock-Produktion made in Austin zu klingen hat! In enger Zusammenarbeit haben er, Produzent Hubbard und Durham als Hauptperson die Musik so natürlich und einfach wie möglich belassen, das Hauptmerk sollte auf Durham's Songs, Stimme und seinen (Slide & Bottleneck) Gitarren liegen. Dazu spielte er mitunter Fiddle und blies eine dreckige, schneidende Blues Harp. Die 4 älteren EP-Stücke 'Living This Hard', 'Georgia Lee', 'How Does The Crow Fly' und 'Reckoning Lament' wurden im Kern genauso belassen, Drummer Rick Richards (Gurf Morlix, Slaid Cleaves, Mary Gauthier) fügte noch einen satten Schlagzeug-Sound hinzu, es gab einen Remix und fertig war eine stomping Blues'n Slide Show der Extraklasse - sehr an den Stoff anknüpfend, der einen Seasick Steve gerade in unseren europäischen Breiten so unglaublich populär gemacht hat! Und auch nicht weit entfernt von den konventionelleren Aufnahmen eines gewissen Jack White, der ja ebenso das rudimentäre Guitar/Drums-Format für eine breitere Öffentlichkeit kultiviert hat.

Auf den 7 neueren Tracks, die nach der EP aufgenommen wurden, hat man zwar grundsätzlich auch wieder das Gitarre/Gesang/Percussion-Modell favorisiert, aber dazu wurden weitere Studiomusiker für kleine "Schönheitsoperationen" eingesetzt. So greifen Hubbard und Reiff zwischendurch selber zu ihren Gitarren, auch der berühmte Antone's-Hausgitarrist Derek O'Brien ist kurz an den 6 Saiten zu hören. Jeff Plankenhorn, aktuelles Mitglied bei den Resentments, spielt Mandoline, Terry Allen's Sohn Bukka sitzt am Klavier und bedient auf dem abschließenden 'Trucker's Love Song', neben 'Clementine' die einzige countryeske, ruhigere Ballade, das Akkordion. Die texanische Singer/Songwriter-Kollegin Idgy Vaughn setzt auf derselben Nummer mit ihrer Stimme einen feinen Kontrapunkt zu Durham's sprödem Geraspel.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht aber unverrückbar Lincoln Durham mit seinem leidenschaftlich vorgetragenen Blues von geradezu beängstigender Überzeugungskraft. In seinen Texten begibt er sich durchweg auf düstere Pfade zwischen Selbstzerstörung, Tod und Weltuntergang. Bevor seine Träume erfüllt werden können, hat er sie im selben Moment schon wieder zerstört: "I am both, the shovel and the howling bones. Burying while at the same time howling and contesting my own burial. It is my existence". Diese Botschaft, wie beschrieben in Szene gesetzt mit einem intensiven Sound, der manchmal eher auf das Mississippi Delta und die Sümpfe von Louisiana hinweist als auf die weichen Linien des Hill Country, wird von Durham mit einer mächtigen, unerhört rohen Stimme irgendwo zwischen Ray LaMontagne und Howlin' Wolf gesungen. Weitere Parallelen findet man zu James McMurtry, Chris Whitley, Ryan Bingham, Drew Landry, den Black Keys, Leon Redbone und ganz besonders zu seinem Mentor Ray Wylie Hubbard, der ihm noch eine ganze Menge an Platten und Lebenserfahrung voraus hat.

Keine Frage: Mit The Shovel Vs. The Howling Bones ist Lincoln Durham auf Anhieb ein kapitales Album gelungen, das gleichermaßen genretreue Blues Fans und Kenner der speziellen Texas Songwriter-Kultur begeistern wird!